Leben mit der Trauer

Trauer mit Aussicht

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Die Trauer traf mich nicht gleich, nein. Während der Diagnose war da die Überforderung, die Wut, die Angst, die Hoffnung. Bei der Geburt war der Schmerz, der Stolz, die Liebe.

Die Trauer jedoch überkam mich erst einige Tage nach der Geburt, bis dahin war ich vollkommen benebelt von meinem mütterlichen Hormoncocktail neben mir gestanden und hatte sehr viel Liebe und Stolz für mein kleines Mädchen empfunden. Dann kam der Aufschlag, ich hörte sie nachts brüllen obwohl dort nichts außer Stille war. Ich wollte sie wieder in meinem Arm halten, sie wärmen, ich wollte mein Kind, das nicht mehr da war. Mein Körper, mein Dasein – sinnfrei. Ich habe geheult, geschrien, war verzweifelt und irgendwann kraftlos. Ich habe tatsächlich so lange geweint, bis mich meine eigene Verzweiflung, meine Trauer genervt hat, mein Kopf nicht mehr weh tun wollte vom Weinen, meine Nase wieder Luft atmen wollte.

In dieser Zeit waren meine Hebammen oft bei mir, bei uns. Die Frauen, die so stark waren für mich und meinen Mann. Sie haben mit uns geredet, uns verstehen lassen, dass die Trauer des Partners nicht verstanden werden muss, sondern nur akzeptiert. Männer trauern anders, das ist so. Und noch eins haben sie uns verstehen lassen: Trauer verändert sich, Trauer hat Kraft und Trauer muss nicht diese depressive, graue, klebrige Masse bleiben, die einen einfängt wie eine fleischfressende Pflanze die Fliege.

Trauer ist ein eineiiger Zwilling wenn man so will, gleich und doch anders. Good Cop und Bad Cop in einem. Während dich der eine zu Boden wirft und anbrüllt, dass du versagt hast als Lebens-Schenkerin und es keinen Ausweg gibt, alles dunkel und böse ist, da kommt der Andere und flüstert dir ins Ohr, dass du dein Leben nun ändern kannst, alles gut wird und du geliebt wirst, denn Trauer sei nur ein anderer Begriff für tiefe Liebe. Ich bin den Deal mit dem Good Cop eingegangen. Und plötzlich war nicht mehr alles schlecht. Trauer besitzt Kraft, Macht und kann in allen Farben leuchten, die Trauer hat mein Leben verändert, aber nicht zum Negativen. Die Trauer um meine Tochter stellte mein Leben auf den Prüfstand, mir wurde bewusst WIE schnell alles vorbei sein kann. Will ich also tatsächlich Zeit mit Dingen verbringen die mir und meinen Bedürfnissen nicht gerecht werden? Möchte ich nicht als Hommage an meine Tochter mein Leben so leben, wie ich es mir für sie gewünscht hätte? Selbstbestimmt, frei, liebend und geliebt -glücklich?

Natürlich habe ich unglückliche Tage, denn alle Liebe für meine Tochter auf dieser Welt bringt sie dennoch nicht zu mir zurück. Ich kann ihr niemals Zöpfe flechten, müde sein während sie Zähnchen bekommt, ihren ersten Freund furchtbar finden… Und doch überwiegen die schönen Tage, ich bin Mutter mit unglaublichen Freiheiten, die ich nicht wollte, die ich nun aber habe. Meine Tochter ist ein braves Kind, lässt sich überall hin mitnehmen und macht keinen Mucks, sie lässt mich schlafen nachts, gibt mir in meinen Träumen einen Kuss.

Und nicht zuletzt gibt mir die Trauer Aussicht auf ein Leben danach. Diese Trauer hat mir gezeigt wie unglaublich tief die Liebe zu einem Kind gehen kann. Ich weiß nun, dass es das ist was ich werden will: Mama! Ich weiß wie wertvoll das Leben ist und wie unwichtig viele kleine Dinge sind, solange man gesund ist. Letzlich kann dir der Tod nicht die Liebe nehmen, eine der wichtigsten Erkenntnisse von allen.

Alles Liebe!

Gina

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