Geburtsbericht

Pauline *11.12.2016† – von Trauer, Angst und Liebe

Freitag, 09.12.2016. Wir sitzen im Wartebereich der Gynäkologischen Abteilung im Krankenhaus. Wir, das sind mein Mann und ich. Mit einem gepackten Koffer. Es ist so weit. 5 Wochen nach dem ersten auffälligen Ultraschall ist es so weit. Ein Schritt, den ich nie wollte, den ich von Anfang an gefürchtet habe. Wir sind zur Einleitung der Geburt im Krankenhaus. Unsere Tochter, Pauline, hat Tetrasomie 9. Wir, nein ich, bringe sie zur Welt, um ihr jegliches Leid zu ersparen. Wir wollen sie beschützen.

Der Anmeldemarathon: warten, bis man aufgerufen wird, Ultraschall, Vorgeschichte, Arztbrief, Zugang legen und Gespräch mit dem Narkosearzt. Immerhin können wir jetzt schon festlegen, dass wir keine Autopsie wünschen und dass wir Pauline privat beerdigen wollen. Danach sitzen wir endlich im Zimmer. Mein Mann darf bleiben, wir haben ein Zweibettzimmer ganz für uns. Und jetzt? Es fühlt sich falsch an, hier zu sein. Ich bin nicht krank, ich will meine Tochter nicht gehen lassen. Trotzdem habe ich ihr in den letzten Tagen zu Hause erklärt, was auf sie – was auf uns beide zukommt. Ich habe ihr gesagt, sie muss keine Angst haben. Dass ich sie liebe. Und dass wir zusammenarbeiten müssen, als Team. Es soll weder für sie noch für mich schmerzhaft werden. Aber ich habe Angst.

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Direkt nach der Ankunft bekomme ich die ersten beiden Tabletten Cytotec. Im Abstand von vier Stunden werde ich jetzt solange jeweils zwei Tabletten davon bekommen, bis die Geburt losgeht. Wenn sich was tut, sollen wir zur Geburt in den Kreißsaal verlegt werden. Danach steht noch die Ausschabung an. Die Ärztin ist wieder aus dem Zimmer draußen. Ich packe die Sachen für Pauline aus: Die Einschlagdecke und das Mützchen, was die liebe Sternenmama von SternenWutz für sie genäht hat. Die Decke, die ich für sie gestrickt habe. Den großen Schmusebären Tommy, den sie von meiner Mama und meiner Schwester bekommen hat. Alles liegt bereit. Ich bin bereit. Ich habe Angst, aber ich will, dass es losgeht.

Die Tabletten lösen mensartige Schmerzen bei mir aus. Auch die nächste Charge ändert daran nichts. Es wird Nacht. Mehr Tabletten gibt es heute nicht. In der Nacht verlange ich das erste Mal Schmerzmittel, weil die Schmerzen mich vom Schlafen abhalten. Ebenfalls in der Nacht bekomme ich leichte Schmierblutungen.

Samstag, 10.12.2016. Es geht weiter. Ich bekomme die Tabletten, habe Krämpfe. Nichts passiert. Mein Mann und ich wandern im Krankenhaus umher. Ich will mich bewegen, aber nicht zu weit weg, was, wenn es losgeht?! Diesmal bekomme ich schon nachmittags Schmerzmittel. Es tut weh, die Ärzte diagnostizieren einen „Druck auf den Muttermund“, aber nichts passiert. Abends bekomme ich Fieber, 38 Grad. Nebenwirkungen der Tabletten. Ich liege im Bett, die Hand auf meinem Bauch. Ich streichle ihn. Ich rede mit Pauline. „Hab keine Angst! Mama ist da! Du darfst gehen, kleine Maus! Mama liebt dich.“ Ich rede mit ihr, aber ich weine nicht. Mittlerweile habe ich keine Angst mehr. Wie schnell man sich an eine Situation gewöhnt. Ich habe keine Angst, ich will nur, dass es losgeht. Dass ich mein Baby sehen kann. Mich verabschieden kann. In der Nacht bekomme ich wieder Schmerzmittel.

Sonntag, 11.12.2016. Und weiter geht’s mit den Tabletten. Und doch ändert sich nichts. Familienmitglieder fragen, ob sie uns besuchen können. Aber ich will nicht. Diese Situation gehört uns. Meinem Mann, mir und unserer Tochter. Und der Gedanke, dass es losgeht, wenn sie da sind. Nein, das will ich nicht!

Nachmittags, gegen 16 Uhr, werden die Schmerzen stärker. Ich denke, wenn sie noch stärker werden, klingle ich nach Schmerzmitteln. Sie werden stärker, ich bekomme wieder intravenös Schmerzmittel. Fast direkt danach bekomme ich die nächsten zwei Tabletten gelegt. Ich darf noch essen, höre aber nach einer Scheibe Brot auf. Die Schmerzen sind immer noch stark und ich habe ein schlechtes Gefühl. Ich kann nicht mehr sitzen, laufe im Raum auf und ab. Mein Mann ist unruhig, weil er mir nicht helfen kann. Er kann nur zusehen, wie ich mich quäle. Beim nächsten Schmerzmittel, gegen 18 Uhr, kann ich nur schwer stillliegen während die Schwester die Infusion anbringt. Es zieht und ich muss gegenatmen. Kaum ich sie draußen, laufe ich wieder durch den Raum. Doch es bringt nichts.

Ich klingle wieder nach der Schwester. Sie ist nur zur Aushilfe auf dieser Station und etwas überfordert. Zum allem Überfluss kann sie nicht besonders viel tun, die Ärztin ist in einer Geburt und mehr Schmerzmittel kann ich von der Schwester nicht bekommen. Ich verzweifle langsam und frage mich, wann diese Schmerzen jemals aufhören. Die Schwester kommt rein und drückt mir ein Schmerzzäpfchen in die Hand. Die hocke mittlerweile vor dem Bett, wippe und schaukle meine Hüfte. Das ist das einzige, was ein bisschen Linderung verschafft. Die Schmerzen (ja, es sind Wehen, aber das war mir irgendwie nicht bewusst) sind nun fast ununterbrochen da, es gibt kaum Pausen. Zusätzlich ist mir richtig übel geworden. Ich ächze, krümme mich und kämpfe mich so durch die Schmerzen. Aus diesem Grund halte ich das Zäpfchen lange Zeit nur fest. Ich kann nicht aufstehen, nicht auf Toilette gehen und mir das Zäpfchen einführen. Irgendwann schaffe ich es doch, das Zäpfchen sitzt. Ich gehe zurück ins Zimmer und plötzlich will etwas durch meinen Muttermund in meine Scheide. Erschrocken spanne ich den Beckenboden an und denke gleich darauf: „Quatsch! Lass es geschehen.“ Ich lasse locker und mir rutsch etwas direkt an den Scheidenausgang. Aufgeregt, erschrocken und vielleicht auch ein bisschen panisch rufe ich meinem Mann in dem Moment zu: „Mir kommt was aus der Scheide!“ Aufgeregt läuft er nach draußen und gibt das genauso der Schwester weiter. Ich habe währenddessen Angst, dass nun Pauline in meiner Unterhose liegt. Gleichzeitig habe ich Angst, dass mein Darm nicht dichtgehalten hat und ich mir vielleicht einfach eingemacht habe… Also schaue ich nach und sehe eine leicht bräunlich gefärbte Fruchtblase aus mir rausschauen. Die Schwester kommt, das Telefon direkt am Ohr. Sie gibt der Ärztin Bescheid, dass sich bei mir was tut. Die Fruchtblase sei geplatzt. Ich denke, dass sie spinnt. Die Fruchtblase ist in meiner Unterhose! Aber in dem Moment spüre ich es warm an meinem Beinen runterlaufen. Die Fruchtblase war tatsächlich geplatzt.

Ich lege mich auf’s Bett, ziehe Hose und Unterhose aus, decke mich zu. So warten wir zusammen auf die Ärztin. Sie kommt zusammen mit einer Hebamme und beide untersuchen mich. Die Ärztin presst glaube ich das Fruchtwasser aus der Fruchtblase und fragt mich, ob ich den Drang habe zu pressen. Aber den habe ich nicht. In dem Moment bin ich einfach nur erleichtert, dass die Schmerzen aufgehört haben und dass Pauline nun endlich kommt. Ich soll nun aber pressen. Da liege ich also im Bett in unserem Zimmer, mein Mann an meinem Kopf, die Hebamme und die Ärztin zu meinen Füßen, und presse. Irgendwann hilft die Hebamme mit dem Finger ein wenig nach… und Pauline ist geboren. Um 19:07 Uhr in der 18+6 Schwangerschaftswoche. Sie wiegt 170 Gramm.

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Die Nabelschnur wird abgeklemmt und durchgeschnitten und die Hebamme fragt, ob ich meine Tochter in den Arm nehmen will. „Ja!“, sage ich, bin voller Erwartung und strecke schon die Hände aus. Sie ist klein, so klein. Aber ein Blick, und ich bin ihr verfallen. Ein Blick und ich weiß, wir schaffen alles. Ein Blick und ich hab keine Angst mehr. Oh Pauline! Ich bin verliebt und glücklich und stolz! Ich kann die Augen nicht von ihr lassen. Ich streichle sie, ich bewundere sie. „Sie ist so klein!“, sage ich. Ich war völlig unvorbereitet auf so viel Liebe und Glück. Ich dachte, ich würde weinen und wäre unendlich traurig. Stattdessen erfüllte ein pures, reines Glücksgefühl meinen ganzen Körper!

Wir können die Augen nicht von ihr lassen, halten sie abwechselnd. Währenddessen bekomme ich Oxytocin, damit Nachwehen einsetzen und die Plazenta geboren wird. Leider passiert das nicht und ich soll nach unten in den OP zur Ausschabung gebracht werden. Schnell gebe ich meinem Mann noch den Auftrag die Sternenfotografin und meine Mutter anzurufen. Dann bin ich weg.

Erst gegen 22 Uhr bin ich wieder auf dem Zimmer. Sowohl die Fotografin als auch meine Mutter und meine Schwester sind schon wieder weg. Aber mein Mann und mein Baby warten auf mich. Wir reden und bestaunen dabei Pauline. Sie liegt in ihrem kleinen Körbchen auf meinem Nachttisch und ich kann nicht schlafen. Ich bin Mutter! Ich habe eine Tochter!

Montag, 12.12.2016. Ich darf nach Hause. Nachmittags machen wir uns auf den Weg. Vorher kümmern wir uns darum, dass Pauline von einer Schwester mitgenommen wird. Sie soll nicht allein in unserem Zimmer zurückbleiben. Dieser Gang, alleine ohne unsere Tochter nach Hause, das ist das schwerste, was ich an diesem Wochenende machen musste. Erst jetzt kommen die Tränen. Ach Pauline…

7 Kommentare zu „Pauline *11.12.2016† – von Trauer, Angst und Liebe

  1. Ich kann nicht aufhören zu weinen… Es erinnert mich an der Geburt meiner Tochter Maia. Ich habe sie in der 17ssw zur Welt gebracht, einfach so. Sie war gesund, nur hatte ich grosse Schmerzen am Rücken, sie kam zu früh und der Grund werde ich wahrscheinlich nicht wissen… Sie wiegt 114gr, kam im Leben, intakte in der Fluchblase mit der Plazenta auch dazu.
    Diese Nacht könnte ich auch nicht schlafen, ich war plötzlich Mutter geworden, ich war glücklich und stolz, ich hatte das schönste in meinem Leben gesehen. Aber die nächsten Tagen waren ein Albtraum.
    Ich habe auch einen Blog, wo ich alles geschrieben habe, aber leider ist auf spanisch.

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    1. Liebe Miriam, danke für deinen Kommentar. Es ist schrecklich, dass du den Grund für Maias frühe Geburt nie erfahren wirst. Schade, dass ich deinen Blog nicht lesen kann. Ich kann leider kein Wort Spanisch… Liebe Grüße, Julia

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  2. Liebe Julia, du schreibst mir aus der Seele. Ich habe am 10. 12. 2016 einen wunderbaren kleinen Jungen in der 22. SSW zur Welt gebracht. Er wog 370 Gramm und war 25 cm lang. Die Geburt, die du beschreibst, gleicht der meines kleinen Jungen fast aufs Haar. Auch das Glücksgefühl, die unglaubliche Liebe, auch Stolz, gemeinsam diese Geburt geschafft zu haben und aber gleichzeitig die unfassbare und übermächtige Trauer, dieses geliebte Kind nicht mit nach Hause nehmen zu können. Ich werde es niemals vergessen, ich trage meinen Jungen für immer im Herzen. Mittlerweile habe ich das große Glück, Mama eines Regenbogenmädchens zu sein, das mir das Leben wieder bunt macht. Ich wünsche es jedem, der so großen Schmerz erfahren musste, dass er auch diese unbeschreibliche Freude, die ein Regenbogenkind bringt, erleben darf. Ich habe gelernt , dass das Leben niemals nur schwarz oder nur weiß ist. Es besteht aus so vielen Facetten, und alle machen uns zu dem, was wir heute sind.
    Ich wünsche dir alles Liebe.

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    1. Danke für diese tolle Rückmeldung! Der Verlust eures Jungen tut mir unendlich leid. Aber du hast Recht, das Leben ist bunt, man muss nur den Mut und die Kraft finden, das wieder zu sehen.

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